Biogas – Chancen und Herausforderungen für die Versorgungssicherheit
Die Energieversorgung wirkt in ruhigen Zeiten selbstverständlich. Strom kommt aus der Steckdose. Die Heizung läuft. Industrie produziert. Doch sobald Speicherstände sinken und Kältewellen einsetzen, wird klar, wie sensibel dieses System ist. Genau in solchen Momenten rückt Biogas als heimische Energiequelle stärker ins Zentrum der Debatte.
Biogas ist kein neues Thema. Seit über zwei Jahrzehnten prägen Anlagen viele ländliche Regionen. Dennoch verändert sich die Perspektive. Was lange als ergänzende erneuerbare Energie galt, wird heute zunehmend als strategischer Baustein für die Versorgungssicherheit betrachtet. Und das aus gutem Grund.
Das Wichtigste in Kürze
- In Deutschland existieren mehr als 9.300 Biogasanlagen und rund 276 Biomethananlagen.
- Die jährliche Produktion liegt bei etwa 98 Terawattstunden Gas.
- Rund 11 Prozent des Erdgasverbrauchs stammen aus Biogas und Biomethan.
- Biogas ist speicherbar und flexibel einsetzbar.
- Die Zukunft hängt stark von politischen Rahmenbedingungen ab.
Wie relevant ist Biogas tatsächlich?
Neue Auswertungen des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik haben das Potenzial genauer untersucht. Dabei wurden erstmals Daten aus dem Marktstammdatenregister mit EEG-Abrechnungsdaten kombiniert. Das Ergebnis zeigt ein deutlich größeres Volumen als bisher angenommen.
Die jährliche Gesamtproduktion aus Biogas und Biomethan liegt bei rund 98,07 Terawattstunden. Etwa 85,4 Terawattstunden werden in Strom umgewandelt. Zum Vergleich: Diese Strommenge bewegt sich fast auf dem Niveau der gesamten Solarstromproduktion in Deutschland.
Rechnerisch deckt Biogas damit mehr als elf Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs ab. Das ist kein symbolischer Anteil. Das ist eine ernstzunehmende Größe im Energiesystem.
Besonders bemerkenswert ist die Herkunft. Biogas entsteht vollständig im Inland. Es reduziert Importabhängigkeiten. Es stärkt regionale Wertschöpfung. Und es schafft eine gewisse Unabhängigkeit von internationalen Märkten.
Relevanz von Biogas in Deutschland (Datenstand: Oktober 2025 / Auswertung 2024)
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Anzahl Biogasanlagen | 9.315 Anlagen |
| Anzahl Biomethananlagen | 276 Anlagen |
| Jährliche Gesamtproduktion (Biogas + Biomethan) | 98,07 Terawattstunden (TWh) |
| Jährliche Stromerzeugung aus Biogas | 85,4 Terawattstunden (TWh) |
| Anteil am deutschen Erdgasverbrauch | 11,34 % |
| Datengrundlage | Marktstammdatenregister (10/2025) + EEG‑Abrechnungsdaten 2024 |
Quelle: Quelle: SWR/Tagesschau, 20.02.2026
Biogas als strategische Reserve in kritischen Phasen
Sinkende Speicherstände sorgen regelmäßig für Schlagzeilen. Wenn Gasspeicher unter 20 Prozent fallen, steigt die öffentliche Nervosität. Genau hier sehen Vertreter des Fachverbands Biogas eine wichtige Rolle für Biogasanlagen.
Biogas lässt sich speichern und zeitlich flexibel einsetzen. Moderne Blockheizkraftwerke können ihre Produktion anpassen. Betreiber reagieren auf Preissignale oder Netzanforderungen. Diese Flexibilität unterscheidet Biogas von wetterabhängigen Energiequellen.
In sogenannten Dunkelflauten, also wind- und sonnenarmen Phasen, bleibt Biogas verfügbar. Es kann gezielt Strom liefern, wenn andere erneuerbare Quellen schwächeln. Diese Fähigkeit stärkt die Stabilität des Gesamtsystems.
Allerdings bleibt die Größenordnung begrenzt. Biogas ersetzt kein vollständiges Gasimportvolumen. Es wirkt unterstützend. Und genau diese Rolle ist realistisch und sinnvoll.
Ökologische und ökonomische Grenzen
Trotz aller Chancen bleibt Biogas nicht frei von Kritik. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung betont, dass Biogas eine flexible Ergänzung darstellt, aber kein vollständiger Ersatz für fossiles Erdgas sein kann.
Ein zentrales Thema ist die Flächennutzung. Der Anbau von Energiepflanzen wie Mais führte in der Vergangenheit zu Monokulturen. Biodiversität und Bodengesundheit gerieten unter Druck. Gleichzeitig konkurrieren Energiepflanzen mit Nahrungsmittelproduktion.
Deshalb fordern viele Fachleute eine klare Neuausrichtung. Reststoffe und Gülle sollen stärker in den Mittelpunkt rücken. Bioabfälle bieten zusätzliches Potenzial. Eine intelligente Substratwahl verbessert die ökologische Bilanz deutlich.
Auch wirtschaftlich steht Biogas unter Druck. Hohe Investitionskosten, steigende Betriebsausgaben und komplexe Ausschreibungsverfahren erschweren langfristige Planung. Ohne verlässliche politische Rahmenbedingungen geraten viele Anlagen in eine unsichere Lage.
Die Rolle der EEG-Novelle
Viele Biogasanlagen wurden zwischen 2004 und 2006 errichtet. Damals sorgte das Erneuerbare-Energien-Gesetz für einen ersten Boom. Die garantierte Vergütung läuft nach 20 Jahren aus. Für zahlreiche Betreiber endet damit die bisherige Kalkulationsgrundlage.
Die anstehende EEG-Novelle entscheidet darüber, ob bestehende Anlagen modernisiert und weiterbetrieben werden können oder ob Kapazitäten verloren gehen. Ein Rückbau würde die Versorgungssicherheit schwächen, da vorhandene Infrastruktur nicht kurzfristig ersetzbar ist.
Planungssicherheit bleibt daher ein entscheidender Faktor. Versorgungssicherheit entsteht durch langfristige, verlässliche Rahmenbedingungen und nicht durch kurzfristige Krisenreaktionen.
Chancen und Herausforderungen im Überblick
| Chancen | Herausforderungen |
|---|---|
| Heimische Energieproduktion | Begrenztes Biomassepotenzial |
| Reduzierung von Importabhängigkeit | Flächenkonkurrenz |
| Speicherbares Gas | Hohe Investitions- und Betriebskosten |
| Flexible Stromerzeugung | Komplexe regulatorische Anforderungen |
| Nutzung von Reststoffen und Gülle | Auslaufende EEG-Vergütungen |
| Stabilisierung bei Dunkelflauten | Teilweise kritische öffentliche Wahrnehmung |
Diese Gegenüberstellung zeigt deutlich: Biogas ist kein einfaches Thema. Es verbindet technische, ökologische und politische Dimensionen.
Erfahrungen aus der Praxis
In vielen ländlichen Regionen speisen Biogasanlagen nicht nur Strom ein. Sie versorgen Nahwärmenetze mit Wärme. Schulen, Gemeindehäuser und Wohnquartiere profitieren von stabilen Preisen. Landwirte nutzen Gülle energetisch und reduzieren Emissionen.
Diese Projekte schaffen regionale Wertschöpfung. Sie erhöhen die wirtschaftliche Stabilität landwirtschaftlicher Betriebe. Gleichzeitig entstehen Arbeitsplätze im Betrieb und in der Wartung.
Natürlich bleibt der Aufwand hoch. Genehmigungen sind komplex. Technische Wartung erfordert Fachwissen. Doch moderne Anlagen arbeiten deutlich effizienter als frühere Generationen.
Flexible Fahrweisen erhöhen zusätzlich die Wirtschaftlichkeit. Betreiber können gezielt dann produzieren, wenn Strompreise attraktiv sind. Diese Marktintegration stärkt die Systemdienlichkeit.
Biogas im Energiemix der Zukunft
Ein stabiles Energiesystem basiert auf Vielfalt. Windenergie liefert große Mengen kostengünstigen Stroms. Photovoltaik deckt tagsüber Spitzenlasten ab. Speichertechnologien puffern Schwankungen. Netze verbinden Regionen.
Biogas ergänzt dieses System als steuerbare Komponente. Es wirkt ausgleichend. Es stabilisiert bei Engpässen. Es schafft zeitliche Flexibilität.
Diese Rolle ist nicht spektakulär, aber strategisch klug.
Fazit: Realistisch bewerten, gezielt stärken
Biogas als heimische Energiequelle trägt messbar zur Versorgungssicherheit bei. Mit über elf Prozent Anteil am Erdgasverbrauch besitzt es eine relevante Größe. Gleichzeitig bleiben ökologische Grenzen und wirtschaftliche Herausforderungen bestehen.
Die zentrale Aufgabe besteht darin, vorhandene Anlagen zu modernisieren, Reststoffe stärker zu nutzen und die Integration in ein flexibles Energiesystem zu verbessern.
Wenn politische Entscheidungsträger, Kommunen und Investoren diese Chancen aktiv gestalten, bleibt Biogas ein stabiler Bestandteil der Energiezukunft.
Versorgungssicherheit entsteht durch kluge Kombination verschiedener Technologien. Biogas ist dabei kein dominierender Akteur. Aber es ist ein verlässlicher Mitspieler. Und genau diese Rolle verdient eine sachliche, langfristige Perspektive.






























